Neulich habe ich unsere 14- und 15-jährigen Töchter gefragt, was sie bisher in ihren Schulen über Themen wie Datenschutz, Cybergrooming oder Phishing gelernt haben. Die Antworten waren ernüchternd: „Eigentlich nichts.“
Beide sind klug, reflektiert und wissen, wie man sich im Internet zu verhalten hat – zumindest in der Theorie.
Beide verbringen täglich mehrere Stunden an ihren Smartphones und navigieren durch eine digitale Welt voller realer Risiken – trotz eingestellter Bildschirmzeit- und App-Begrenzungen.
Diese persönliche Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen aktueller Studien. Im Folgenden möchten wir aufzeigen, welche Risiken für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum lauern, wo die Verantwortung von Schule und Elternhaus liegt und welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um den Nachwuchs im Netz zu schützen.
Digitale Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen: aktuelle Zahlen
Die Intensität der Mediennutzung junger Menschen hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Dies belegen die beiden zentralen Studienreihen (KIM-Studie und JIM-Studie) des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) eindrücklich.
KIM-Studie (Kindheit, Internet, Medien) über Kinder von 6 bis 13 Jahren
Die KIM-Studie 2024 zeigt, mehr als die Hälfte der internetnutzenden Kinder zwischen 6 und 13 Jahren ist täglich online – ein Anstieg von 7 % gegenüber 2022. Bereits 46 % der Kinder dieser Altersgruppe besitzen ein eigenes Smartphone.
Hinzu kommt, dass 42 % der Kinder TikTok regelmäßig nutzen, obwohl der Dienst nach seinen eigenen Nutzungsbedingungen erst ab 13 Jahren erlaubt ist. Altersgrenzen werden durch falsche Altersangaben und fehlende Überprüfungsmechanismen routinemäßig umgangen.
JIM-Studie (Jugend, Information, Medien) über Jugendliche von 12 bis 19 Jahren
Für die aktuelle JIM-Studie 2025 wurden 1200 Jugendliche zwischen 12 bis 19 Jahren aus dem deutschsprachigen Raum befragt. 95 % der Jugendlichen besitzen ein eigenes Smartphone, 68 % gaben an, mehr Zeit am Smartphone zu verbringen als geplant – die durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit beträgt knapp 4,5 Stunden.
Die Studie hat sich im Schwerpunkt u. a. dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) zugewandt und zeigt, dass 91 % der Befragten KI-Anwendungen aktiv nutzen – zum Vergleich: 2024 waren es noch 62 %.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Smartphone für Jugendliche kein Freizeitgerät mehr ist. Es ist der zentrale Zugang zu Kommunikation, Information und sozialer Teilhabe. Damit geht eine erhebliche und in Teilen unkontrollierte Exposition gegenüber digitalen Risiken einher.
Konkrete Risiken und Bedrohungen im digitalen Raum
Cybermobbing zählt zu den am weitesten verbreiteten und gleichzeitig folgenreichsten Risiken für junge Internetnutzerinnen und -nutzer. Laut einer WHO-Studie aus dem Jahr 2024 ist jedes sechste Schulkind in Europa von Cybermobbing betroffen. Für Deutschland kommt eine Erhebung des SINUS-Instituts im Auftrag der Barmer (2024) zu einem vergleichbaren Ergebnis: 16 % der Heranwachsenden waren selbst Opfer.
Die Auswirkungen auf Betroffene sind erheblich: Schlafstörungen, sozialer Rückzug, Schulverweigerung bis hin zu Suizidgedanken sind dokumentierte Folgen. Der WHO-Regionaldirektor für Europa bezeichnete die Situation in der o. g. Studie als „Weckruf“: „Von Selbstverletzung bis hin zu Suizid erleben wir, wie Cyber-Mobbing in all seinen Formen das Leben junger Menschen und ihrer Familien zerstören kann.“
Cybergrooming bezeichnet die gezielte Kontaktaufnahme durch Erwachsene gegenüber Minderjährigen mit dem Ziel der sexuellen Anbahnung oder des Missbrauchs. Besonders relevant im Kontext der Studie ist der Kanal. Täter nutzen nachweislich Onlinespiele, Gaming-Plattformen, Chatrooms und soziale Netzwerke, um über einen längeren Zeitraum Vertrauen aufzubauen.
Die Landesanstalt für Medien NRW hat 2025 erneut eine repräsentative Befragung von Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren zu Cybergrooming durchgeführt, die belegt, dass ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Cybergrooming betroffen ist; zwei von drei Befragten wünschen sich mehr Aufklärung in der Schule. Auch Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, ist der Meinung: „Nur in der Schule erreichen wir auch wirklich alle Kinder und Jugendlichen, um sie über Cybergrooming aufklären zu können. Deswegen ist das der richtige Ort, sie für die Gefahr zu sensibilisieren.“
Angesichts der Tatsache, dass laut JIM-Studie 2025 bereits 70 % der 12- bis 19-Jährigen mehrmals pro Woche digitale Spiele spielen, darunter zahlreiche Multiplayer-Titel mit unkontrollierten Chatfunktionen und Kontakt zu fremden Personen, ist eine gezielte Aufklärung über diese Risikoform dringend erforderlich.
Neben sozialen Risiken sind Kinder und Jugendliche zunehmend klassischen Cyberbedrohungen ausgesetzt: Phishing-Nachrichten in Spielchats oder über soziale Netzwerke, unsichere Passwörter, unbedachtes Teilen persönlicher Daten sowie Identitätsdiebstahl zählen zu den häufigsten Schadensfällen.
Eine neue Risikoebene entsteht durch die rasante Verbreitung von KI-Anwendungen. Die JIM-Studie 2025 zeigt, 91 % der 12- bis 19-Jährigen setzen mindestens eine KI-Anwendung ein, 84 % haben ChatGPT bereits genutzt – ein Anstieg von 27 % gegenüber dem Vorjahr. Dabei halten 63 % der Jugendlichen die von KI gelieferten Informationen für vertrauenswürdig, ohne systematische Quellenkritik oder Überprüfung. In einer Zeit, in der KI für täuschend echte Phishing-Nachrichten, Deepfakes und Desinformationskampagnen eingesetzt wird, stellt dieses unkritische Vertrauen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.
Der Cybersicherheitsmonitor 2026 des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) untermauert die Bedrohungslage. Nur jede und jeder Dritte (35 %) hält die Gefahr von Cyberkriminalität betroffen zu werden für sehr hoch oder eher hoch; damit setzt sich der Trend zu Sorglosigkeit weiter fort. Besonders sorglos sind laut der Studie die Älteren (60+ Jahre) und die jüngste Altersgruppe von 16 bis 22 Jahren, hier schätzen je etwa 6 von 10 ihre Gefahr als eher oder sehr gering ein.
Die Verantwortung von Schule und Elternhaus – eine gemeinsame Aufgabe
Die schulische Vermittlung von Medienkompetenzen und Cybersicherheit weist in Deutschland erhebliche strukturelle Lücken auf – zudem ist Bildung Ländersache.
Die ICILS-Studie (International Computer and Information Literacy Study), die alle fünf Jahre digitale Kompetenzen von Achtklässlerinnen und Achtklässlern international vergleicht, zeigt deutliche Defizite bei deutschen Schülerinnen und Schüler, trotz jahrelanger Investitionen von über 6,5 Milliarden Euro in die digitale Infrastruktur. Deutschland erreichte lediglich das internationale Mittelfeld.
Dies wird sich wahrscheinlich auch nicht so schnell ändern, denn wie aus einem Bericht des Tagesspiegel Background hervorgeht, ist die konsequente Ausweitung der Medienbildung an Schulen kein Schwerpunkt im Entwurf der „Erklärung der Bildungsministerkonferenz“. Dem Bericht zufolge sehen die Kultusminister vor allem die Eltern für die Medienkompetenz verantwortlich, betonen jedoch gleichzeitig, dass Schulen einen „entschlossenen Beitrag“ in Sachen Medienkompetenz leisten müssten, da die Medienbildung an Schulen derzeit nicht ausreiche. Nur in 5 der 16 Bundesländer gibt es überhaupt ein Fach Medienbildung, so der Tagesspiegel weiter.
Wer diese strukturellen Defizite nicht anerkennt, kann sie nicht beheben. Die JIM-Studie 2025 benennt die Konsequenz unmissverständlich: „Diese Fähigkeiten zu vermitteln und entsprechende Angebote bereitzustellen, ist eine gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik.“
Viele Einrichtungen wie etwa das BSI, die Bayerische Landeszentrale für politische Bildung (BLZ) oder Keeper Security bieten bereits Medienpakete, Schulungen oder Leitfäden zum Thema digitale Aufklärung an Schulen für Eltern und Lehrer an.
Auch auf Elternseite besteht erheblicher Handlungsbedarf. Der BSI-Cybersicherheitsmonitor 2025 mit dem Fokusthema „Digitaler Familienalltag“ stellt fest, dass weniger als ein Drittel der Eltern mit ihren Kindern über Gefahren im Internet spricht, bevor diese ein Gerät erhalten. Selten werden Maßnahmen zum Schutz von Cyberkriminalität, wie bspw. das Absichern der eigenen Accounts oder das Erkennen von Onlinebetrug, angesprochen. Gleichzeitig wurde über einem Drittel der Eltern bereits von konkreten Gefahrenerlebnissen ihrer Kinder im Netz berichtet.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass laut KIM-Studie 2024 81 % der Eltern ein eigenes Schulfach „Medienkompetenz“ befürworten. Ein deutliches Signal, dass Erziehungsberechtigte die institutionelle Mitverantwortung des Bildungssystems einfordern und mit der Aufgabe nicht allein gelassen werden wollen.
Weitere Studien wie etwa die Studie der Vodafone-Stiftung „Zwischen Bildschirmzeit und Selbstregulation – soziale Medien im Alltag von Jugendlichen“ machen deutlich, dass sich die große Mehrheit der befragten Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren ebenfalls ein breiteres medienpädagogisches Angebot an der Schule wünscht.
Eine Sonderauswertung der PISA-Studie 2022, die im Januar 2025 veröffentlicht wurde, zeigt auf, dass mehr als zwei Drittel (69 %) der Befragten sich zwar kompetent genug fühlen, Informationen im Internet zu finden. Doch nur knapp die Hälfte (47 %) fühlt sich in der Lage, die Qualität der gefundenen Informationen fundiert zu beurteilen.
Fazit
Die vorliegenden Studiendaten zeichnen ein klares Bild: Kinder und Jugendliche in Deutschland sind in einem Ausmaß digital vernetzt, das mit dem verfügbaren Maß an Aufklärung und Schutz nicht Schritt hält. Während 95 % der Jugendlichen täglich ein Smartphone nutzen, fast vier Stunden täglich online sind und 91 % KI-Tools einsetzen, fehlt es an strukturierter Vermittlung digitaler Sicherheitskomponenten – sowohl im schulischen als auch im familiären Umfeld.
Cybermobbing, Cybergrooming, Phishing und unkritischer Umgang mit KI-Inhalten sind keine abstrakten Bedrohungen. Sie betreffen Kinder und Jugendliche in ihrem digitalen Alltag in sozialen Netzwerken, Onlinespielen und Messengerdiensten.
Digitale Kompetenz ist im 21. Jahrhundert eine Grundfertigkeit, die ebenso systematisch vermittelt werden muss wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Die Materialien und Konzepte dafür existieren. Was fehlt, ist die konsequente politische Umsetzung: Medienkompetenz und Cybersicherheit müssen verbindlicher Bestandteil des Bildungssystems werden – von der Grundschule bis zum Schulabschluss. Gleichzeitig sind Eltern gefordert, das Thema nicht dem Zufall zu überlassen, sondern proaktiv und kontinuierlich mit ihren Kindern darüber zu sprechen.
Machen Sie sich bewusst: Digitale Bildung ist eine Form des Kinderschutzes. Klären Sie Ihre Kinder über die Gefahren und Risiken auf, damit sie sich sicher und selbstbewusst im Internet bewegen und alle ihnen gegebenen Möglichkeiten bestmöglich nutzen können.
Informationen finden Sie z. B. beim BSI („Sicher aufwachsen im digitalen Zeitalter“), beim deutschen bildungsserver, bei Deutschland sicher im Netz oder bei klicksafe.
Christoph Schmees pc-fluesterer.info
Völlig richtig: Medienkompetenz zu lehren ist ein erzieherische Aufgabe, keine technische. Mit Vorschriften oder technischen Hürden* wird man des Problems nicht Herr. Der Deutsche Ethikrat hat gerade eine sehr fundierte Stellungnahme veröffentlicht.
Aaaaber: Wie sollen Eltern und Lehrer etwas vermitteln, was sie selber nicht drauf haben? Die meisten Kinder und Jugendlichen sind ihren Eltern im Umgang mit der Technik* um Lichtjahre voraus. Wie kommen die Eltern, und vor allem die Lehrer, an die erforderlichen Kompetenzen? Mit Wissen allein ist es ja nicht getan, man muss selber auch Erfahrung im Umgang mit den Medien haben, um etwas über ihre Nutzung weitergeben zu können.
Christoph Schmees pc-fluesterer.info
*) Zu den Zeiten, als ein einziger Familien-PC üblich war, wollte eine Kundin von mir die Internet-Nutzung ihres pubertären Sohnes mit einer "Kindersicherung" einschränken. Innerhalb einer Woche hatte der Jüngling nicht nur die Kindersicherung überwunden, sondern mit demselben Programm seine Mutter aus dem PC ausgesperrt!