Akten mit der Beschriftung Notfallplan

Wenn nichts mehr geht – Business Continuity Management

Der Nutzen von Notfallmanagement beziehungsweise Business Continuity Management (BCM), wie es im (zugegebenermaßen etwas sperrigen) Fachjargon heißt, wird maßlos unterschätzt. Erst wenn Sie sich mit dem Thema auseinandersetzen, wird Ihnen klar, wie viel in Ihrem Unternehmen eigentlich von einem einzigen IT-System oder einer einzigen Software abhängt.

Was passiert, wenn eines davon ausfällt? Kommt Ihr Unternehmen zum Stillstand? Und was bedeutet ein solcher Stillstand eigentlich genau? Finanzielle Einbußen, Imageschäden, unzufriedene Kunden, Klienten oder Patienten und sicherlich auch einige gestresste, unzufriedene Mitarbeitende.

Was tun, wenn ein Totalausfall eintritt? 

Sprechen wir in der Beratung über BCM, werden Notfallszenarien wie „Ausfall eines Servers“ oder „Ausfall eines Gebäudes“ gerne durchdiskutiert, und Ideen für einen temporären Notbetrieb sind schnell gefunden. Aber auch diese setzen immer ein Mindestmaß an Funktionsfähigkeit voraus. Funktionierende Server, Internet, Strom. Würden diese Dinge auch wegfallen, würden wir von einem Totalausfall sprechen. 

Wie schnell wäre Ihr Unternehmen nach einem Totalausfall wieder arbeitsfähig? Drei Tage? Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr?

„Ja, dann wären wir am Ende. Aber so etwas passiert schon nicht.“

Stimmt. Die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalls ist gering. Passiert ist er aber dieses Jahr bereits.

Stromlos in Berlin 

Im Berliner Südwesten gab es am 3. Januar 2026 den größten Stromausfall seit Kriegsende. Unternehmen saßen ebenso auf dem Trockenen wie Privatpersonen. Nicht nur über 45.000 Haushalte (mit ca. 100.000 Bewohnern), sondern auch 2.200 Unternehmen waren urplötzlich ohne Strom. Die bestehenden Notfallmaßnahmen sahen einen derart langen andauernden Stromausfall nicht vor.

Dass Privatpersonen keine Notfallpläne erstellen, die ihnen in einer solchen Krisensituation weiterhelfen können, ist in Nicht-Kriegsgebieten nachvollziehbar. Dass Unternehmen dagegen ihre Existenz aufs Spiel setzen, weil sie auf solche Katastrophen nicht vorbereitet sind, nicht.

In einem der Berliner Krankenhäuser wäre ein Mann, der auf ein Sauerstoffgerät angewiesen war, beinahe gestorben. Ein Hospiz musste überstürzt evakuiert werden. Pflegeeinrichtungen erhielten Notstrom nur verzögert. DRK-Wohneinrichtungen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung saßen schlagartig im Dunkeln, weil neben dem Licht auch die elektrischen Jalousien ausfielen. S-Bahnen und Regionalzüge fielen aus, unzählige Leute konnten nicht zur Arbeit fahren. Für andere gab es gar keine Arbeit, zu der sie fahren konnten, da der Arbeitsplatz selbst betroffen war.

Der katastrophale Zustand hielt ca. drei Tage an: Am 6. Januar war die Versorgung teilweise wiederhergestellt, am 9. Januar war sie stabil.

NRW offline

Dass nicht erst ein flächendeckender Stromausfall eine ganze Region lahmlegen kann, sondern auch der Ausfall eines einzigen Rechenzentrums ausreicht, zeigt ein Fall aus Nordrhein-Westfalen.

Im Rechenzentrum des kommunalen IT-Dienstleisters Regio IT kam es abends zu einem Stromausfall, der nicht nur den Betrieb lahmlegte, sondern dabei auch Teile der Hardware zerstörte. In der Folge hatten die angeschlossenen Kommunen keinen Zugriff mehr auf ihre interne Software. Teilweise fiel sogar der Internetzugang komplett aus.

Die Verwaltung stand in weiten Teilen NRWs still. Betroffen waren laut Berichten unter anderem Aachen, Eschweiler, Düren, Gütersloh, Warendorf, Siegen, Bad Berleburg, der Hochsauerlandkreis, der Oberbergische Kreis und der Kreis Soest. Bürgerinnen und Bürger, die einen Termin bei ihrer Behörde brauchten, gingen leer aus: Die Buchungsportale waren allesamt offline, die Behörden weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar. Wer dringend etwas erledigen musste, blieb nur der Weg, persönlich vor Ort zu erscheinen – aber ohne Garantie, dort überhaupt weiterzukommen.

Am Morgen des 4. März meldete Regio IT, die Systeme liefen größtenteils wieder, vereinzelt könne es aber noch zu Einschränkungen kommen. Gütersloh und Warendorf bestätigten gegen Mittag die vollständige Wiederherstellung.

Offen bleibt in beiden Fällen eine entscheidende Frage: Warum haben die vorhandenen Notstrom- und Ausfallsicherungsmechanismen die langen Ausfälle nicht verhindert? Genau diese Frage sollte sich auch jedes Unternehmen stellen, bevor der Ernstfall eintritt – denn Angriffe oder Unfälle lassen sich leider nicht immer verhindern. Was wir uns hier anschauen wollen, sind deshalb Maßnahmen zur Resilienz: Wenn Vorfälle schon nicht ausgeschlossen werden können, müssen wir uns umso mehr auf Bewältigung und schnelle Wiederherstellung konzentrieren.

BCM im Detail

Um ein umfassendes BCM aufzubauen, muss dieses von der Leitung initiiert werden. Diese legt Ziele und Geltungsbereich (abzusichernder Zeitraum) fest und benennt Zuständige. Nicht zu vergessen sind dabei Vertretungen, die im Urlaubs- oder Krankheitsfall anzusprechen sind. Der Geltungsbereich liegt meist zwischen 14 und 30 Tagen. Würde ein Totalausfall über diesen Zeitraum hinaus andauern, wären die Ressourcen der meisten Unternehmen erschöpft – ein Risiko, dessen sich die Leitung bewusst sein sollte.

Als Nächstes geht es um die Planung. Es ist zu klären, welche Schnittstellen es gibt (Dienstleister, Tochterfirmen, Partner, Lieferanten), und die Interessengruppen sind zu analysieren. Dies alles ist zu dokumentieren und von der Leitung offiziell freizugeben.

Danach ist eine Business Impact Analyse (BIA) durchzuführen. Diese geht alle Prozesse durch, die im Unternehmen bestehen. Anschließend sind Abhängigkeiten und der Ressourcenbedarf je Zeithorizont zu ermitteln (24 Std. – 30 Tage) sowie die maximal tolerierbaren Ausfallzeiten und Wiederanlaufzeiten (RTO und RPO) zu definieren. Welche Prozesse haben die niedrigste tolerierbare Ausfallzeit? Diese sind hoch zu priorisieren und erfordern besonderes Augenmerk. Welche Ressourcen benötigt der jeweilige Prozess, um zu funktionieren? Welcher Notbetrieb wäre möglich, wenn der Prozess ausfällt, und welche Ressourcen sind dafür notwendig? Danach erfolgt ein Soll-Ist-Abgleich der Ressourcen, und es werden Zuständige definiert, die eventuelle Lücken schließen.

Darauf aufbauend ist eine Risikoanalyse durchzuführen. Gefährdungen sind den Ressourcen zuzuordnen und mithilfe einer Risikomatrix (Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadenshöhe) einzuschätzen. Anschließend ist zu entscheiden, wie mit den bestehenden Risiken umzugehen ist, die noch nicht durch vorhandene Maßnahmen reduziert werden: Vermeiden, Reduzieren, Transferieren oder Akzeptieren. Über Letzteres muss die Leitungsebene unter Berücksichtigung aller Gegebenheiten entscheiden – im Notfall bedeutet dies nämlich: „Wir gehen das Risiko ein, dass wir als Unternehmen irreparabel geschädigt sind, wenn dieses Risiko eintritt.“

Im Anschluss daran erfolgt die Notfallplanung: Die infrage kommenden Business Continuity Strategien werden hinsichtlich Kosten, Nutzen und der jeweiligen maximal tolerierbaren Ausfallzeit bewertet und ausgewählt. Auf dieser Grundlage werden Geschäftsfortführungspläne und Wiederanlaufpläne nach einheitlicher Vorlage erstellt, qualitätsgesichert und freigegeben.

Damit diese Pläne im Ernstfall auch tragen, müssen sie regelmäßig geübt und getestet werden. Dazu wird ein Jahresübungsplan aufgestellt, der unterschiedliche Übungsarten (Planbesprechung, Stabsübung, Alarmierungsübung und Funktionstest) in festgelegter Häufigkeit vorsieht. Jede Übung ist zu dokumentieren und auszuwerten, damit die gewonnenen Erkenntnisse in die Pläne zurückfließen.

Zur Leistungsüberprüfung werden entsprechende Kennzahlen erhoben. Auch externe Dienstleister sind regelmäßig zu bewerten, einschließlich einer Exit-Strategie für den Fall, dass die Zusammenarbeit beendet werden muss. Ergänzend werden Audits beziehungsweise Revisionen durchgeführt. Die Leitung nimmt einmal jährlich eine Managementbewertung vor, um das Gesamtsystem zu beurteilen und etwaigen Handlungsbedarf abzuleiten.

Abschließend werden aus den Erkenntnissen von Übungen, Tests und Leistungsüberprüfungen Korrektur- und Verbesserungsmaßnahmen abgeleitet. Diese sind mit Ursache, Zuständigkeit und Umsetzungstermin zu dokumentieren. Die Leitung überwacht anschließend, dass die Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt werden.

Wie resilient ist Deutschland?

Dass das Thema uns alle weiterhin beschäftigt, zeigt auch eine Initiative der Bitkom. Am 15. Oktober hat der Resilience Day als Teil der Smart Country Convention (vom 13-15. Oktober) in Berlin stattgefunden. Die Bitkom, gemeinsam mit der Messe Berlin, bot ein Informationsangebot, um darüber zu sprechen, wie krisenfest Deutschland, Unternehmen und Privatpersonen sind. 

Auf der Website der Bitkom gibt es zudem einen Bitkom Resilience Hub, wo die drei genannten Gruppen Informationen erhalten, wogegen sie sich schützen müssen (Angriffskrieg, Cyberangriffe, Panademie, etc.) und welche Schritte sie jetzt schon tun müssen. 

Für Privathaushalte hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) übrigens eine Liste mit Vorbeugemaßnahmen erstellt. Dort ist alles an Notfallausrüstung genannt, was man im Haus haben sollte, wie Taschenlampen, Powerbanks, Kerzen und Streichhölzer, Lebensmittelvorräte sowie Anleitungen zum Heizen und Kochen ohne Strom.

Wir empfehlen einen kurzen Blick darauf zu werfen, ganz nach dem Motto „besser haben als brauchen.“ 



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